Generalsanierung Landgericht Amberg in 3 Bauabschnitten

Landgericht Amberg - Luftbild

Aufgabe

Im Herzen der Altstadt von Amberg sind das Landgericht und die Staatsanwaltschaft in einem denkmalgeschützten Gebäudekomplex untergebracht, der sich aus mehreren Gebäuden aus unterschiedlichen Bauepochen - von der Renaissance über den Barock bis hin zum Jugendstil - zusammensetzt. Die Generalsanierung dieses Justizkomplexes umfasst neben der Sanierung aller Gebäude in 3 Bauabschnitten auch den Neubau eines Bediensteten-parkplatzes in der Wingershoferstrasse. Die Gesamtkosten in Höhe von insgesamt 26,375 Mio. € beinhalten neben den Baukosten auch alle Planungskosten sowie die Umzugs- und Mietkosten für die während der Bauzeit ausgelagerte Staatsanwaltschaft.

Die Gebäudesanierungen sind insbesondere wegen großer Störungen im statischen Gefüge (Dachtragwerke, Deckenbalkenlagen, Kräfteableitungen im Mauerwerk) notwendig. Die Sanierungsarbeiten berücksichtigt neben der Behebung der baulichen Mängel und der Anpassung an die neuesten technischen Bau- und Sicherheitsbestimmungen vor allem auch die Neuordnung und Optimierung der Funktionsbereiche innerhalb der Justizbehörde und des Gerichtes unter besonderer Berücksichtigung der neuesten Sicherheitsanforderungen.


1. Bauabschnitt: Renaissancebau

Kurfürst Friedrich II. ließ in den Jahren 1544 - 1547 einen 3-geschossigen Giebelbau aus Sandsteinquadern und mit zwei mehrgeschossigen Erkern als Regierungskanzlei in Amberg errichten. Das Gebäude stand ursprünglich frei, wurde aber bereits 1597 / 98 erweitert. Eine damals vorhandene Gasse zwischen Hauptbau und Anbau wurde in die Erweiterung einbezogen und in den Obergeschossen überbaut. Diese Gasse ist im Erdgeschoß heute noch in der Grundrissstruktur erhalten und wurde bei der Sanierung durch Öffnen bzw. Wiederherstellen des Gassendurchganges - wenn auch durch Glastüren verschlossen - sichtbar gemacht. Das Aufzeigen der vorhandenen Gebäudeachsen bei Gassen und Durchfahrten wurde zu einem wichtigen Planungselement.


Wenn man heute die Sandsteinquaderfassade betrachtet, so unterscheidet sich diese vom Zustand vor der Sanierung deutlich durch die aufgemalte weiße Fugenlinierung. Diese Linierung basiert auf einem Originalbefund, der bei der Sanierung im Innenhof hinter dem vorgesetzten Treppenturm mit Sandsteinspindeltreppe von 1601 zum Vorschein kam.

Der Hauptschmuck der straßenseitigen Fassade ist ein reich verzierter und farblich gefasster 2-stöckiger Sandsteinerker mit den Medaillons Kurfürst Friedrich II. und seiner 38 Jahre jüngeren Gemahlin Dorothea von Dänemark. Die Medaillons sind fein gearbeitete Bildhauerarbeiten mit sehr genauer Darstellung von Schmuck und kostbarer Kleidung. Fassungsreste wurden gesichert und durch lasierende Retuschen wiederhergestellt.


Im Gebäudeinneren wurden die alten Raumstrukturen beibehalten bzw. von störenden neuzeitlichen Einbauten befreit. Waren neue Raumabtrennungen notwendig, wurden diese als sog. „Box“ in den Raum gestellt (Raum im Raum) und mit juristischen Dokumenten in altdeutscher Schrift gestaltet.



Das Gebäude ist im Erdgeschoß mittig durch eine Durchfahrt mit Netzrippengewölbe aus Sandstein geteilt. Die Farbfassung der Torhalle erfolgte analog den Originalbefunden und ist identisch mit der Farbfassung des gewölbten Eckzimmers im 1. Obergeschoß. Diese Räume zeigen - wie übrigens ursprünglich alle Räume im Innern - steinsichtiges Sandsteinquadermauerwerk mit leichter Putzschlämme und aufgemalter weißer Fugenlinierung analog der Fassade. Die übrigen Räume behielten nach der Sanierung in Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ihre Barockfassung, das heißt, weiße Putzdecken und weiße Wände mit Kalkschlämme.

Die technische Ausstattung wurde so zurückhaltend wie möglich gewählt. Die Leitungsführung erwies sich als besonders schwierig, da das sehr exakt und genau gearbeitete mächtige Sandsteinquadermauerwerk und auch die Gewölbe nicht einfach durchstoßen oder geschlitzt werden konnten.

In den neu gestalteten Räumen des 1. Bauabschnittes sind seit 2008 die Bediensteten der Justizbehörde wieder eingezogen. Die Büros wurden mit alten Möbeln des Landgerichtes, aber auch mit moderner Büroeinrichtung sehr ansprechend möbliert.

Der neue Bedienstetenparkplatz auf dem Gelände der JVA Amberg wurde zeitgleich erstellt.


2. Bauabschnitt: Barockbau



1762 wurde für eine Kanzlerwohnung (Ostflügel mit 8 Wohnräumen im 1. und 2. OG) Planungsauftrag für einen 3-geschossigen repräsentativen Erweiterungsneubau erteilt. 1767 wurde der Planungsauftrag erweitert auch für einen 2-geschossigen rückwärtigen Gebäudeteil (Nord- und Westflügel) und 1769 mit dem Neubau begonnen. Bereits 1792 erfolgte die Aufstockung des westlichen Teiles des Erweiterungsbaues.
Im Barockgebäude an der Regierungsstrasse befindet sich heute im Erdgeschoss der Haupteingang, ein geschwungenes Sandsteinportal mit einem mächtigen zweiflügeligen, reich verzierten Barocktor. Dahinter befinden sich Pforte und Sicherheitsschleuse (Vereinzelungsanlage) mit Zutrittskontrolle.

In das 1. und 2. Obergeschoss gelangt man über die restaurierte Barocktreppe zu den Sit-zungssälen mit Wartebereichen (Öffentlichkeitsbereich). Der große Sitzungssaal im 1. OG wurde entsprechend den Befunden mit aufgemalter Sockellambris (Imitation einer Holzvertäfelung) ausgestattet.



Für das elektronische Gerichtssaalmanagement wurden in den Richtertischen Tablet PCs installiert, um sofort vor Ort durch den Richter Änderungen an den Informationstableaus in den Fluren (z. B. nicht öffentlich / öffentlich) vornehmen zu können.

Sogenannter Hingucker im 2. Bauabschnitt sind sicherlich die Bildwand im neuen Treppenhaus im Inwohnerhaus sowie die Flurwände im 1. und 2. OG im Nordflügel mit den Großfotos „Kolorierte Federzeichnug 1589 von Hanns Kannlpaldung“ (Stadtarchiv Amberg) und dem „Tafelgemälde eines unbekannten Malers, bekannt als „Verspottung der Justiz“ 1588“ (Leihgabe des Bayerischen Nationalmuseums an das Stadtmuseum Amberg).




3. Bauabschnitt: Barockbau und Jugendstilbau

1698 begann man, das alte Rentmeisterhaus durch einen Neubau zu ersetzen. Eine gravierende Kostensteigerungen beschäftigte sogar den Geheimen Rat in München und die Fertigstellung zog sich bis 1702 hin. 1911 wurde ein Jugendstilbau mit dem großen Schwurgerichtssaal angebaut.

Derzeit laufen die Sanierungsarbeiten an diesem Gebäudekomplex (3. Bauabschnitt). Herausforderungen in Planung und Baudurchführung liegen hier vor allem im Dachgeschoßausbau des Rentmeisterhauses. Hier werden Büroräume für die Staatsanwaltschaft eingebaut. Hinsichtlich Belichtung und Belüftung dieser Räume wurden Lösungen erarbeitet, die sowohl dem Baudenkmal als auch der nutzenden Behörde gerecht werden. Planerisches „Highlight“ wird der Schwurgerichtssaal mit moderner Lüftungs- und Kommunikationstechnik, die in die teilweise noch vorhandene Jugendstilausstattung integriert wird.



Projektdaten

Projekt: Generalsanierung Justizgebäude in Amberg I Bauherr: Freistaat Bayern, Bayerisches Staatsministerium für Justiz I Projektleitung: Staatliches Bauamt Amberg-Sulzbach I Planung und Ausführung: georg zunner-architekt, Amberg I Bauzeit: 2005 - 2015 I Gesamtkosten: 26,375 Mio. € I NF: 4.075 m2 I BGF: 8.690 m2 I BRI: 41.540 m3